Lenz, Siegfried: Schweigeminute

Bilder über Bilder reihen sich in „Schweigeminute“ aneinander. Den Personen kam ich nicht nahe, obwohl ich gerade das bei einer Novelle, in der es um die Liebe geht, erwarten würde. Die Liebe zwischen den zwei Hauptpersonen habe ich nicht verstanden, obwohl ich doch gerade das bei einer Liebe, die nicht sein darf, erwarten möchte.
Nur kurze Geschehnisse reihen sich aneinander, an die sich der Schüler Christian episodenhaft erinnert, während die Schüler für seine geliebte Lehrerin eine Schweigeminute abhalten. Die Bilder in den Geschehnissen, die Lenz durch die Gedanken seines Protagonisten erschafft, sind alles, was einem die Liebe zwischen Christian und Stella verdeutlichen soll.
Dass diese Bilder meist von Steinen handeln, macht es nicht unbedingt leichter, die Liebe zwischen den beiden zu verstehen. Aber irgendwie habe ich es dann doch erfasst. Nur um einen Rahmen zu geben: Christian ist der Sohn eines Steinfischers. Er holt Findlinge vom Grund des Meeres – was vielleicht auch dieses Gefühl für Stella beschreiben soll. Verborgene, große, schwere Steine, die an die Oberfläche gebracht werden. Stella kommt um – durch einen, aus diesen Steinen gebauten Wellenbrecher. Das ist sicher kein zufälliges Bild. Auch als Christian seine berufliche Tätigkeit einem englischen Fragenden erklärt, beschreibt er damit vielleicht eigentlich die Liebe zwischen ihm und Stella: „We are only fishing for stones.“
Doch irgendwie schafft es Lenz trotz allem in seinen einfachen, kurzen Sätzen und ohne Charaktere zu beschreiben, die tiefe Trauer, das schwere Schicksal und die Liebe seines Protagonisten in meinem Gefühl entstehen zu lassen. Genau deswegen wahrscheinlich ging mir das Buch nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Um es zu verstehen, musste ich mitdenken, aber vor allem die Bilder fühlen - und die bleiben.